Der tanzende Stern

 

Ein Plädoyer für die Kreativität.

 

Es ist nie zu spät, macht allerdings Arbeit. Das Ergebnis ist pures Glück! Denn am Ende fällt der Blick auf eine eigene Schöpfung. Kreativität schlummert in uns allen und es lohnt sich, sie auszuleben.

 

 

Als Kinder waren wir alle einmal kreativ. Wir haben unsere Kreativität gar nicht erst in Frage gestellt. Basteln, Malen, Spiele erfinden, Entdecken und Gestalten war unsere Welt. Irgendwann kamen die Noten und Bewertungen dazu, die Disziplin und die Agenda. Und damit das Ende des freien Flows und der Kreativität. Frühe Widerstandskämpfer der Kunst und die besonders Begabten schafften es, diese andere Art zu leben in den Alltag der Erwachsenen hinüberzuretten. Doch bei den meisten setzte mit der Pflege des inneren Kritikers auch ein Ende gestalterischer Prozesse ein. 

 

Meine eigene Geschichte

 

Ich kann mich noch gut erinnern, dass ich einmal in einer Schulklasse war, in der mehrere herausragend begabte Zeichner waren. Damals verlor ich den Glauben, selbst gut zeichnen zu können. Denn ich konnte gute Bilder nicht so wie die anderen aus dem Ärmel schütteln, obwohl ich gerne malte. Und dann dachte ich, wenn man herausragend begabt ist, muss man nicht so viel üben, um gute Bilder zu malen. Und dass alle Übung gar nichts bewirkt, wenn man nur durchschnittliches Talent hat. Ein klassischer Teufelskreis.

 

Noch später ging kam es so weit, dass ich mich für künstlerisch unbegabt hielt. Damit sprach ich mir fortan jedes Recht ab, so etwas wie Kreativität oder Kunst beruflich auszuleben. Ein bisschen schreiben kann ich, so dachte ich, aber davon kann ich nicht leben. Und so ging meine Karriere andere Wege. Aufgrund der wenigen Zeit, die nach der Arbeit noch blieb und die dann meist für Sport drauf ging, erschuf ich auch privat nichts mehr. Und meine Freude an Kunst und Schöpfung blieb auf den Konsum in Museen oder Theatern beschränkt. Doch es fehlte etwas in meinem Leben. Ich fühlte mich innerlich irgendwie ausgetrocknet. Ideen für kreative Projekte kamen nicht mehr hoch. Meine Welt wurde schwarz-weiß. Mit zunehmendem Alter wurde das schwarze Loch in mir größer und ich wusste nicht, warum. Doch so wenig, wie ich in all den Jahren für meinen inneren Garten unternommen hatte, konnte ich die Ursache nicht erkennen. Und wenn ich tatsächlich einmal über kreative Projekte nachdachte, fehlte mir das Zutrauen.

Aber manchmal ist das Leben geduldig und so durfte ich durch einige Entwicklungen mit mir selbst wieder mehr Zeit verbringen. Und es war völlig erstaunlich. Mit einigen zaghaften Ideen fing es an. Ganz vorsichtig versuchten sie an die Oberfläche zu gelangen. Zuerst noch irgendwie blass. Doch da sie nicht mehr "wegkritisiert" wurden, fingen sie an zu wachsen. Mein lange verbannter, innerer Künstler war noch eine Weile ängstlich, wieder ins Verließ der rationalen Rezeption zu kommen. Im Gegensatz zu früher fing ich an, meine Ideen zu gießen und zu pflegen. Ich setzte Projekte um und überlegte, welche Fähigkeiten ich auf welche Weise ausleben könnte. Heute ist es in meinem Inneren wie im tropischen Regenwald. Es ist zu einer Schatzkammer voller Gedanken, Impulse und Ideen geworden. Mit den Ideen kamen die Träume und Wünsche in mein Leben zurück, die Helden und Abenteuer und die Farbe. Am Besten ist aber, dass endlich nichts mehr in meinem Leben fehlt.

 

Wie werde ich kreativ?

 

Wer kreativ werden möchte, dem sei hier das Vier-Stufen-Modell des englischen Sozialpsychologe Graham Wallas ans Herz gelegt. Es ist einfach zu verstehen und entspricht dem, was wir intuitiv tun, wenn wir kreativ arbeiten. 

Am Anfang steht immer ein Plan. Denn um einen Schöpfungsprozess in Gang zu bringen, braucht es eine äußere Form. Das ist so etwas wie ein Beet, das vorbereitet werden muss. Und dieses Beet ist die Definition der Aufgabe. Einen Plan haben und die Aufgabe definieren ist der erste Schritt (Preparation) nach Wallas. Das betrifft vor allem die wichtige Frage, was es denn werden soll. Ein Gedicht oder ein Roman vielleicht, ein Bild oder eine Skizze? Dazu müssen eventuell Hintergründe recherchiert werden oder Arbeitstechniken erlernt und geübt werdenDie Vorstellung, es gäbe fertige Kreative und denen fällt alles zu, ist so leider falsch.

Wenn das Beet angelegt ist, kommt eine Art Inkubationszeit (Incubation) ins Spiel. Man geht mit dem Projekt "schwanger." Das ist das, was Nietzsche meinte, als er davon sprach, man müsse noch etwas Chaos in sich tragen, um einen tanzenden Stern zu gebären. Für den tanzenden Stern lohnt es sich Abstand zu gewinnen. Das ist zeitlich und auch von der Technik her schwer zu vereinheitlichen. Je nach Persönlichkeit und Projekt braucht es Stunden oder Tage. Und dem einen hilft Entspannung und Meditation, dem anderen eher sportliche Betätigung. Wichtig ist es aber, das Projekt geistig los zu lassen. Denn der kreative Anteil der Persönlichkeit oder des Gehirns - je nach Betrachtung - arbeitet nicht unter Kontrolle, Zwang oder Überwachung. Aufgrund Hirnforschung und Neurowissenschaften wissen wir, dass unbewusste Suchprozesse bei einer vordefinierten Lösung umso erfolgreicher sind, je schwerer oder komplexer die Aufgabe ist. Diese unbewussten Suchprozesse werden durch die bewussten Prozess im Gehirn behindert. Auf diese Weise wird die Kreativitätsübung auch zu einer Vertrauensübung mit dem eigenen Selbst. Los lassen und darauf vertrauen, dass die Lösung kommt, ist hier tatsächlich der Königsweg. 

Es gibt Menschen, die haben diesen Anteil in sich so stark gefördert, dass sie ihm ganze Aufgaben überlassen. Sie wissen, wenn es Zeit ist, drängt sich dieser Anteil zurück ins Bewusstsein und präsentiert ein nahezu fertiges Konzept. 

Mir persönlich hilft meist der räumliche Abstand, ein Spaziergang, Meditation oder Entspannung. Dann kommen die Geistesblitze, der dritte Teil des Prozesses nach Wallas (Illumination) von selbst. Nun müssen diese Ideen nur noch auf Validität und Umsetzbarkeit (Verification) überprüft und in die exakte Form reduziert werden. Der ganze Ablauf benennt sich damit folgendermaßen:

 

- Preparation

- Incubation

- Illumination 

- Verification

 

Und eigentlich war es das schon. Recht viel mehr braucht es nicht, um Kreativität zu leben.

 

Kreativitätsfallen

 

Damit das kreative Vorhaben am Ende auch den Weg ins Leben schafft müssen wir nun noch die Kreativitätsfallen im Auge behalten. Darunter fällt alles, was der eigene innere Dialog negatives zutage bringt. Wie bei mir etwa das Alter oder fehlende Begabung. Kreativität ist jedoch altersunabhängig. Desweiteren gibt es keinen Grund etwas nicht zu tun, nur weil andere es vielleicht besser können. Gerne wirft auch das Argument der fehlenden Zeit uns einen Knüppel zwischen die Beine. Doch das ist letztlich eine Frage von Zeitmanagement und Priorisierung und nur eine Ausrede. Jeder sollte hier seine eigenen Fallen entdecken. Denn der schöpferische Anteil unserer Person ist sehr empfindlich und seit unserer Kindheit strenger Kritik ausgesetzt. Wer kreativ sein will, der muss seinen inneren Künstler beschützen und ihm den Raum schaffen tätig zu werden. Dazu braucht es auch im Inneren eine angstfreie Umgebung.

Zum Schluss brauchen wir noch eine Portion Durchhaltevermögen, ohne die geht es leider nicht.

 

Was habe ich davon kreativ zu sein?

 

Am Ende des Tages ist es egal, was wir erschaffen und wie unsere Umgebung das findet. Denn das kreative Tun allein bereichert das Leben. Es ist eine Art zu denken, die in die Kontroverse geht mit dem endlosen Konsum von Nachrichten, Social Media und Streaming-Diensten der heutigen Zeit. All diese wunderbaren Erbaulichkeiten, die wir im modernen Alltag genießen, sind rein rezeptive Tätigkeiten. Wir lesen und nehmen auf, lernen, hören zu. Müssen wiedergeben und "nach-"denken. Wer kreativ ist denkt "vor." Er schult seine geistigen und auch die handwerklichen Fähigkeiten. Wir sind "ganzere" Menschen und zufriedener ausgelastet, wenn wir anfangen etwas zu schaffen. Das Loslassen in kreativen Prozessen schafft Abstand zum Alltag. Die Umsetzung bringt Erfolgserlebnisse und macht glücklich. Das Geschenk kreativer Arbeit ist ein Leben in Full HD.