Sag beim Abschied leise Servus

 

Einfach glücklich? Wie die Skinner-Box-Industrie der bild-dominierten, schönen, neuen Welt alles in Trendthemen verwandelt und wir sogar Verzicht konsumieren.

 

 

Verzicht, Minimalismus und Achtsamkeit sind große Trendthemen unserer Zeit. Im Zuge des Klimawandels, des Artensterbens und der zunehmenden Toxifizierung der Umwelt fühlt es sich gut an, auf etwas zu verzichten. Auch außerhalb der Fastenzeit und der Neujahrsvorsätze. Aber bitte: Richtig weh soll es nicht tun! Ein bisschen liebäugeln hier, ein bisschen Matcha Latte ohne Strohhalm dort. Keinesfalls betrifft das den Wunsch zur nächsten Kreuzfahrt oder Fernreise. Klar, vorher müssen noch die passenden Klamotten her. Entweder, weil das Gefühl in einer schönen Luxus-Boutique Geld auf den Kopf zu hauen so gut ist. Oder weil gerade alles so billig bei Primark, H&M oder im Web zu finden ist. Wer hart arbeitet muss sich schon was gönnen dürfen.

 

Auch ein Verzicht auf den fahrenden „20l-Super-Dreckschleuderpanzer“ als Verlängerung der eigenen Fähigkeiten ist unvorstellbar. Mit dem Auto zeigt sich die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Schicht. Und der Neid der anderen auf den guten Job und das viele, verdiente Geld oder das große Familienvermögen ist ebenso willkommen.

 

Der grüne Anstrich reicht den Meisten

 

Ausreden gibt es viele und Tatsache ist leider: der grüne Anstrich reicht den Meisten. „Nasser“ muss es nicht werden. Zur Not werden Regenwürmer in der Küche gezüchtet oder die Kinder bei schönem Wetter mit einem hippen Lastenrad in die Kita gefahren. Unglaublich cool und echt nicht mehr zu schlagen, wer das Ding einem Hippie in Christiania abgekauft hat. Die CO2-Bilanz des Vorgangs stellt sich hier natürlicherweise hinter der Imagepflege an. 

Andere lesen mit einem wohligen Gruseln vom Verzicht in ihren abonnierten Kanälen, finden die Idee gut und wissen dabei „ja, vielleicht, irgendwann könnte das was sein. Vielleicht wenn ich alt und grau bin, hässlich und krank. Dann ist es auch nicht mehr so schwer.“ Denn, die wenigen Glücksmomente, die in dieser „furchtbaren Welt“ noch verblieben sind, unterliegen mit dem Konsum vermeintlich wieder unter eigener Kontrolle. Wie beim Clickertraining. Jeder Kauf ein K(l)ick und das Gehirn ist glücklich. Das wohlige Gefühl der Sicherheit, dass doch alles gut ist in der eigenen Welt. Das kann nur das neue Kaschmir-Jäckchen oder ein aktuelles Smartphone vermitteln. Dass auch kleine Schritte irgendwann zu großen werden können und irgendwo anfangen besser als nichts ist, ist schon längst im endlosen Strom dessen, was der Mensch laut Instagram alles braucht und sein soll wieder untergegangen. Das Thema um das es geht, nämlich inne halten hier und heute und bei sich selbst anfangen, wird durch die ubiquitäre Präsenz der Trendthemen Verzicht und Minimalismus auf allen Kanälen verwässert und die Inhalte fortgespült.

 

 

Eine gnadenlose Industrie will immer mehr Geld, Glücksfilter inklusive

 

Das vielgeliebte Mindfulness ist auch so ein Strom endloser Wonne. Scheinbar unendlich ist die Zahl derer, die durch teure Coachings und Trainings damit ihr eigenes Glück machen wollen. Nicht die echten Therapeuten sind hier gemeint, die ihren Beruf gelernt haben und kranke oder traumatisierte Menschen unterstützen. Sondern die selbsternannten und erlernten Glückscoaches, die niemanden voran bringen wollen außer sich selbst. Schließlich erlernt sich Achtsamkeit besonders gut im teuren Yoga-Retreat am Ende der Welt. Ist doch im Alltag einfach zu wenig Zeit, zudem fehlt jeglicher Glamour. Aber dann und dort und mit dem Ausgeben von möglichst viel Geld und dem Verbrauch von vielen Ressourcen wird es soweit sein. Dann ist das Glück lernbar und wird noch gekrönt von den schönen Bildern, auf denen alle sehen können, wie exclusiv die Reise war. Der Verzicht wird konsumiert.

Wunderbar ist die schöne, bunte Social-Media-Welt. Sie berieselt uns von allen Seiten, scheint immer realer und besser als das echte Leben zu sein. Eigentlich ist alles erst auf dem durchgefilterten Bild wahr, dessen Entstehung Stunden maskenhaft-süßlichen Grinsens erfordert hat. Abonnierte Influencer machen es vor schön, schlank und damit endlich glücklich zu sein. Und versprechen, dass die empfohlenen Produkte und Programme uns genauso strahlend wie die Menschen auf den Bildern machen. Glücksfilter inklusive. Dabei wird übersehen, dass das Ganze eine einzige Skinner-Box ist.

Dass eine gnadenlose Industrie immer mehr Geld will. Sie lebt davon unser Belohnungszentrum im Gehirn maximal zu triggern. Bis wir nicht mehr anders können als zuschlagen. Bei jedem Check von Posts und Tweets sehen wir neue Dinge, die uns zum Glück fehlen. Schönere Klamotten, frischere Nachrichten, bessere Trainingsprogramme. Wieso glauben heutzutage so viele Menschen, dass Menschen wie z.B. Caro Daur schlauer und glücklicher sind, als sie selbst? Und wieso tun diese Menschen alles, Influencer wie sie dabei zu unterstützen immer noch reicher zu werden? Es ist objektiv betrachtet absurd.

 

 

Was wäre, wenn gar nichts fehlt?

 

Was wäre denn, wenn gar nichts fehlt? Außer dem Ausbruch aus der operanten Konditionierung. Wenn wir jetzt in diesem Moment glücklich sein könnten? Ohne irgendeine Art von Konsum, Programm, Buch, Retreat, Life-Style? Und wir uns mit Ruhe und Entspannung im Hier und Jetzt verwöhnen könnten, statt mit nacheifern und nachäffen?

Wenn glücklich sein und nachhaltig leben nichts zu tun mit Matcha Latte oder Yoga in Aruba. Wenn uns auch die Nachhaltigkeit, der Minimalismus und die Achtsamkeit nur als neues „Click & Buy-Schema F“ verkauft werden, mit denen Geld verdient werden soll.

„Einmal war es doch schön…“ Ein anfänglicher Kick und dann soll es immer so weiter gehen. Doch eigentlich wird es schal, macht keine richtige Freude mehr oder belastet sogar. Aufgrund des Settings der ausgeklügelten Trigger der bildgewaltigen Advertisements ist es schwer das zu merken. Was eigentlich? Dass nichts von dem, dem wir hinterherjagen oder uns vergleichen wirklich glücklich macht. Es macht „Bling“ im Kopf und erschöpft uns auf Dauer. Denn das nächste „Bling“ braucht einen stärkeren Stimulus. Und einen kürzeren Abstand dazwischen. Und das „Bling“ ist kein Glück. Nur ein aktiviertes Belohnungszentrum. Dazu kommt: Menschen neigen dazu Dinge immer wieder auf die gleiche Weise zu tun, auch wenn das Ergebnis schon lange nicht mehr stimmt.

 

 

Es sind die Gedanken von Süchtigen, die uns dazu treiben

 

Zur Beruhigung an alle, die kiloweise Tüten von Klamotten jede Woche nach Hause schleppen und einen Kleiderschrank voller Fehlkäufe haben. Die ihr halbes Gehalt in Edelboutiquen investieren. Die vier Mal im Jahr eine Fernreise machen und dazwischen sich jedes zweite Wochenende ein Wellness-Hideaway gönnen. Die jeden Tag stundenlang dem endlosen, bunten Strom der Social Media folgen. Es sind die gleichen Gedanken, die alle Süchtigen haben: „Das bisschen Glück, soll mir doch niemand nehmen. Weniger ist super, aber vor allem bei anderen. Ich kann das nicht, ich bin nicht stark genug. Ich bin erst schön, wenn ich so aussehe wie XY.“ Die Konsumindustrie hat mit simplen, ganz einfachen Tricks die westliche Welt am Haken und das Leben in eine Art riesigen Flipperpark verwandelt. Wer einmal den Film von Wim Wenders „Bis ans Ende der Welt“ von 1990 ansieht, kann das Regiment des Bildes noch als Zukunftsvision betrachten.

 

Wie wäre es, statt in dramatischen, teuren Seminaren und Retreats Minimalismus, Achtsamkeit oder Verzicht zu lernen, hier und heute einfach damit anzufangen. Einfach leise Servus sagen. Ohne TamTam und große Bilder. Keiner süßlich-falschen zuckerglasierten Vorstellung vom Glück und dem einfachen Leben mehr hinterher zu jagen. Nicht mehr mit überlegenem, ich-habe-die-Welt-gerettet-Grinsen auf Instagram das neue Bio-Baumwoll-Yoga-Outfit posten und glauben, man wäre sich selbst damit näher gekommen.

Den Gedanken, etwas zu brauchen, um glücklich zu sein zu verabschieden. Denn es ist nichts erforderlich, um Glück zu erreichen. Es ist einfach da und wenn wir so weit sind, wenn wir unser immer-hungriges Belohnungszentrum zum Schweigen bringen, können wir es spüren.

 

 

Glück ist die Abwesenheit etwas zu wollen

 

Es ist ruhig und still, leise und unaufdringlich. Wir müssen erst wieder lernen es überhaupt zu hören. Wenn die Blätter im Wind rascheln oder vom See nasse Füße in der Sonne trocknen, dann ist es ganz nah. Wenn wir essen, wenn wir essen und das wahrnehmen, was in den Mund wandert ist es da. In der Ruhe, ohne Ablenkung, ohne Facebook und ohne in Gedanken woanders zu sein und den Moment mit neuen Planungen zu zergrübeln ist es da. That´s it. Ganz einfach. Das kann jeder einfach tun, heute hier und jetzt. Ohne Anleitung. Einfach aussteigen, aus dem Hamsterrad, das immer mehr will und immer weniger bietet.

Diese „Geistesruhe“ die im Grunde tiefstes, goldenstes Glück ist, kann im ganzen Konsum, im Wegdrücken, Wegclicken, Weglaufen, Wegarbeiten, Wegshoppen nie gefunden werden. Denn sie ist dort nicht.

 

 

Glück ist in seiner Substanz die Abwesenheit von etwas.

 

Und zwar die Abwesenheit etwas zu wollen. Genau jetzt, in dieser Sekunde der Ruhe, ist das Glück. Das kann man nicht kaufen, nicht erlaufen, nicht „erreisen.“ Dorthin kann der Konsum niemals führen. Man kann es nicht suchen, sondern nur finden.